Das schlafende Kind in dir

Allgemein

Neben mir steht gerade ein Glas Rotwein und ich atme kurz tief durch. Der erste große Meilenstein ist gerade per E-Mail abgeschickt worden. Meine Hausarbeit, die mir seit rund 6 Wochen im Magen liegt. Warum tue ich mir das eigentlich an? Ach ja richtig, da war mal ein weit entferntes Ziel, das mich derzeit die Strapazen, Mühen und das viele Geld wert sind. Wert sein sollten. Für ein Ziel sollte man doch alles geben oder? Aber was, wenn das Ziel, auf das man so eifrig und strebsam hingearbeitet hat, plötzlich irgendwie nicht mehr so attraktiv ist? Was, wenn man merkt, dass man zweifelt und aus Zweifel ein tiefer Unglaube wird? Krise wäre dann wohl das richtige Wort. Was aber, wenn diese Krise nicht zu enden scheint?

Ja, dann sitzt man wohl ganz schön in der Patsche (ich liebe diesen norddeutschen Slang für den ich manchmal angestarrt werde wie eine Außerirdische 😀 ).

Eine Sinnkrise also. Kommt so etwas, wenn wir mal bei Klischees bleiben, nicht normalerweise erst mit Mitte 40 ? Seit einigen Wochen bin ich der Meinung, dass Sinnkrisen jeden und in jedem Alter treffen können. Ja, ich vage sogar zu behaupten, dass auch Kinder Sinnkrisen bekommen.

Ich verstehe darunter das Bewusst werden darüber, dass die Welt anders ist als man bis zu diesem Zeitpunkt angenommen hat. Kommt dann noch eine große Portion Emotionen dazu ist das Werk komplett.

Mit Krisen verbindet man immer Schlechtes. Das ist eigentlich sehr schade, denn Krisen sind für mich nichts anderes als Stoppschilder an der Kreuzung. Dann, wenn sich unser Lebensweg teilt, Entscheidungen unseren Weg kreuzen, es steil bergauf oder gefährlich schnell bergab geht – ja dann sind Krisen eigentlich ziemlich hilfreich. Denn sie veranlassen uns dazu, stehen zu bleiben. Die Dinge zu reflektieren. Eine bestimmte Stopplinie nicht zu übertreten. Ja, Krisen sind dankbare Wegweiser, wenn man sie richtig zu interpretieren vermag.

Meine Krise im Moment zwingt mich dazu, meine bisherigen Ziele, Werte, Haltungen und Ideale wirklich mal drastisch zu hinterfragen. Denn ganz unbewusst und leise haben sich Verhaltensweisen, Gedankenmuster, Glaubenssätze und Werte entwickelt, die irgendwie nicht zu dem Menschen passen, der ich gerne sein würde.

Ein Beispiel:

Mein Spitzname im Kindergarten war immer „Mama Anne“. Es klingt ein bisschen paradox, dass ein sechsjähriges Mädchen bereits einer verantwortungsvolle Rolle zugewiesen wird aber mich hatte es damals nie gestört. Ich habe mich einfach sehr gerne um andere gekümmert. Meine Freundinnen, die nicht von ihren Mamas gehen wollten, habe ich getröstet und ich habe mich um die Kinder gekümmert, die alleine gespielt haben. Auch Streit zu schlichten gehörte zu meinem daily business. Das wurde mir nicht anerzogen. Ich war einfach so.

Über die Jahre jedoch habe ich manches immer mehr abgelegt…bis zum heutigen Tag, an dem ich mich frage, was aus dem kleinen Mädchen geworden ist, dass schon in jungen Jahren so erstaunlich umsichtig durch die Welt gegangen ist.

Mit diesem neuen Blickwinkel stelle ich auf einmal Dinge in Frage und merke, dass ich ganz insgeheim weiß, dass ich in manchen Punkten gegen meine innere Überzeugung handle. Und es ist super wichtig, sich darüber bewusst zu werden! Menschen verändern sich mit den Jahren und nicht alle Veränderungen sind gut. Nicht alle Veränderungen müssen wir hinnehmen. Denn einiges entsteht durch das Außen. Manchmal verändern wir uns aufgrund von Menschen, die schlimme und verletzende Dinge zu uns sagen. Wir verändern uns aufgrund von schlechten Erfahrungen, die uns prägen. Aus den schlechten Erfahrungen haben sich Ängste entwickelt und diese Ängste werden hinter dicken Mauern verpackt. Manchmal tun wir das komplette Gegenteil von dem, was wir eigentlich unserem Naturell nach tun müssten, einfach weil wir Angst haben, wieder auf die eine Art verletzt zu werden.

Will man sich „zurück verändern“ ist das immer mit Schmerz verbunden. Denn man muss zurück durch das Tor der Angst, zurück zum Ursprung und die Verletzung finden, die einen veranlasst hat, nicht man selbst zu sein. Dieser Weg zurück ist keine Rutschbahn. Es gibt keinen Notausgang und keine Abkürzung. Wer sich dazu entscheidet, durch die Angst zurückzugehen und sich ihr zu stellen (und zu merken, dass die Angst in Wirklichkeit viel harmloser ist als wir vermutet haben), ja dann wird man Freiheit spüren. Echtheit. Authentizität.

Das kleine, fürsorgliche Mädchen in mir ist nicht verschwunden. Es schläft irgendwo ganz tief und nun ist es an der Zeit, mich auf den Weg zu machen, um es zu suchen.

Bildquelle: 1zoom.me

Ein Gedanke zu “Das schlafende Kind in dir

  1. Hi Anne, das ist echt ein toller und schöner Beitrag. In sehr vielen Lebenslagen reflektiere ich eine Eigenschaft, die ich früher sehr Positiv an mir fand, die ich jetzt irgendwie nicht mehr so besitze. Ich konnte früher egal mit welcher Person wie ein Wasserfall reden, über Gott und die Welt und mir ging (so kommt es mir zumindest vor) nie ein Gesprächsthema aus. Ich hab viele Mädels vollgequasselt. Beispiel: im Urlaub vor ca. 20 Jahren hab ich mit meiner Urlaubsliebe die ganze Nacht ohne Punkt und Komma geredet. Ich war immer derjenige, der die Gesprächsthemen gefunden hat.
    Jetzt: bei der Clique kommt es mir so vor, alsob ich kaum Anhang finde oder keine Gesprächsthemen, ebenso letztens beim Treffen mit Jakob (meinem Cousin) oder mit ein paar Treffen mit Frauen. Da gab es nur Smalltalks und schon gab es das „peinliche Schweigen“ und man hat krampfhaft nach Gesprächen gesucht.
    Ich würde da gerne mal wieder 20 oder 25 Jahre zurück kehren und wissen was ich da anderst gemacht habe. Oder was ich jetzt dagegen machen kann. 🌺🙄🌻🤔

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